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  • Beitrags-Kategorie:Yoga & Leben

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Abhyasa Abhyasa Abhyasa (Sanskrit: अभ्यास abhyāsa m.)

Heute geht es um Abhyasa, das stetige Üben. Wir können zunächst die Frage stellen, was Üben denn eigentlich bedeutet und ob man jemals fertig ist mit Üben? Und dann vielleicht, weshalb die Frage oder diese Empfehlung des stetigen Übens aus dem Yoga Sutra nach Patanjali eine der wesentlichen Empfehlungen ist. Eine, die uns immer wieder erlaubt neu zu beginnen und unser Leben vollständig in die Yogapraxis einbezieht.

Aber nun zunächst zu der Frage:

Was bedeutet es zu Üben und ist man jemals fertig damit?

 

 

Ralph Skuban schreibt in seinem Kommentar zum Sutra: „Abhyasa ist die kontinuierliche Bemühung, sich in Richtung chitta vritti nirodhah zu entwickeln, dem Zur-Ruhe-Kommen der mentalen Muster (Sutra 1.2). Abhyasa ist nicht bloß eine begrenzte Übung für begrenzte Zeit, das Leben selbst muss abhyasa werden.“ (aus: Ralph Skuban, Patanjalis Yogasutra, eBook, S.44)

Im Yoga Sutra werden die Begriffe Abhyasa und Vairagya immer in Verbindung genannt, denn es heißt konkret im Sutra 1.12: „abhyasavairagyabhyam tannirodhah“ (aus: Patanjali, Das Yogasutra, Von der Erkenntnis zur Befreiung, Einführung, Übersetzung und Erläuterung von R. Sriram, Theseus 2003, S. 42). Durch Abhyasa (beharrliches Üben) und Vairagya (Gleichmut) kann die dynamische Stille des Citta (des meinenden Selbst) erreicht werden. R.Sriram erläutert weiter: “ Beharrliches Üben und nachhaltiger Gleichmut führen unweigerlich zur Einheit der Gefühle und Gedanken.“ (ebd.)

Die meisten von uns beginnen mit Yoga weil sie sich mehr Ruhe wünschen, Rückenprobleme, Migräne, Schlafstörungen oder andere gesundheitliche Probleme oder Einschränkungen haben. Dann stellen sie i.d.R. fest, dass es eine völlig neue, ihnen unbekannte Form der Bewegung ist und sind erstaunt, wie wichtig der Atem und die speziellen Atemübungen sind. Meistens gehen sie nach Hause sind sehr zufrieden und können zunächst nicht genau erklären, was sie so zufrieden gemacht hat.

Wie alles, was wir beginnen, ist es zuerst „aufregend“, neu, interessant und bindet uns aufgrund der neuen Erfahrung. Und dann kommt die Zeit, wo wir uns an die Abläufe, die Sprache, das OM den Stundenaufbau und das wohlige Gefühl am Ende der Yogaklasse gewöhnt haben und vielleicht das Neue nicht mehr so interessant ist wie zu Beginn. Und jetzt wird es interessant, denn nun geht es um den Begriff Vairagya. Das Anhaften. Z.B. das Anhaften an unsere Muster, das Ablenken lassen von unserem Ziel durch äußere oder eben innere Reize. „Vairaghya meint: nicht anhaften an den Dingen, die wir mögen oder nicht mögen.“ (aus: Ralph Skuban, Patanjalis Yogasutra, eBook, S.44)

Diese Muster, ich mag etwas nicht mehr oder habe schon das Ziel, weshalb ich z.B. mit der Yogapraxis begonnen habe, aus den Augen verloren. Oder es ist nicht mehr so zufriedenstellend wie zu Beginn meines Kurses, dann probiere ich mal etwas anderes aus und die Freundin geht jetzt auch eher zum Zumba. Dann gehe ich jetzt auch zum Zumba.
Wir haben unser Ziel wie die Migräne, den Rücken oder was immer der Grund war eine Yogaklasse zu besuchen, aus den Augen verloren. Zumindest so lange, bis die nächste Schmerzattacke kommt.

Abhyasa meint also das Üben z.B. der Asanapraxis, wie der Pranayamapraxis aber auch das Üben zu erkennen, was wir eigentlich wollen. In meinem Beispiel, weshalb wir mit der Yogapraxis begonnen haben und uns darin zu üben diese Praxis bei zu behalten, weil sie uns hilfreich war und unser Ziel, keine Rückenschmerzen mehr zu haben, näher gebraucht hat. Und gleichzeitig meint Abhyasa ein Erkennen unserer Muster des Ausweichens. Das erste Ziel ist erreicht und schwups, probieren wir das nächste aus.

Im Üben geht es also darum etwas zu erlernen, zu verinnerlichen und dann auch weiter zu entwickeln. Bei Vairaghya geht es darum zu erkennen, was uns daran hindert zu lernen, zu verinnerlichen und weiter zu entwickeln. Es geht darum standhaft zu bleiben, dran zu bleiben. „Die Fähigkeit sich nicht von außen vom eigenen Ziel ablenken zu lassen.“ (aus: Patanjali, Das Yogasutra, Von der Erkenntnis zur Befreiung, Einführung, Übersetzung und Erläuterung von R. Sriram, Theseus 2003, S. 42)

Im Sutra 1.13 heißt es: Mit Hilfe von Übungen standhaft bei einem gewählten Thema zu bleiben ist Abhyasa (beharrliches Üben). In der Erläuterung von R.Sriram: „Beharrlich zu üben bedeutet, die Gefühle und die Gedanken auf ein Thema gerichtet zu halten. (aus: Patanjali, Das Yogasutra, Von der Erkenntnis zur Befreiung, Einführung, Übersetzung und Erläuterung von R. Sriram, Theseus 2003, S. 43).

Zurück zu Eingangsfrage bedeutet es also in meinem Verständnis, dass wir immer Übende sind. Jeden Tag neu, da jeder Tag anders ist. Es gibt Dinge die wir nicht mehr hinterfragen, wie z.B. das tägliche Zähne putzen. Das wäre in Bezug auf eine eigene Yogapraxis super. Du gehst einfach immer auf deine Matte. So oft du kannst. Ohne das Dogma „ich muss täglich 60 Minuten praktizieren“. Sondern du gehst einfach und übst dich darin es zu tun, wahrzunehmen was gerade ist und deine Übungspraxis deinen Bedürfnissen entsprechend zu gestalten. Es kann sein, dass du Asanas praktizierst und diese vielleicht 30 Minuten. Oder zu sitzt nur dort, aufrecht, klar und wach und folgst mit deiner ganzen Aufmerksamkeit deinem Atem. Was immer dein Weg ist, das Tun selbst, die Wiederholung des Tuns und das Wahrnehmen dessen was ist, steht bestenfalls im Vordergrund. Dies ist Yogapraxis, aus meiner Sicht, die hilfreich im Leben ist und unser Handeln und Fühlen positiv unterstützt. Auf dieser Basis kann sich Achtsamkeit und damit langsam ein Leben mit mehr Gelassenheit (Vairaghya) und Zufriedenheit entwickeln.

Diese beiden Begriffe aus dem Sutra machen also deutlich, wie wichtig es ist, etwas zu üben und das Üben selbst in den Vordergrund zu stellen, nicht das Ziel oder das Ergebnis (Rückenschmerzen los werden). Das wir die Migräne oder die Rückenschmerzen auch los geworden sind, ist super. Doch eine Veränderung in unserer Haltung zu unserem Körper, den Rückenschmerzen und evtl. zu unserer Lebensführung unserer Lebensweise, das können wir nur über das stetige Üben erfahren.

Damit bleiben wir aus meinem Verständnis heraus immer Übende. Und deshalb ist dieses Sutra für mich ein wesentliches, das mich auf meinem Yogaweg wie ein Mantra begleitet.

In diesem Sinne ein sonniges Wochenende und stetiges Üben 🙂

Anja